Fallbeispiele
Nicht nach Diagnose. Nach Erfahrung.
Die folgenden Geschichten sind anonymisiert. Sie stehen nicht für „Fälle“, sondern für wiederkehrende Erfahrungen, in denen sich viele Menschen wiedererkennen.
Verantwortung
„Ich habe immer die Verantwortung getragen.“
Sie war die, auf die man sich verlassen konnte – beruflich, privat, in der Familie. Solange sie funktioniert hat, hat alles funktioniert. Nur sie selbst nicht.
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Das Umfeld und die Gesellschaft loben dieses Verhalten, immer alles zu schaffen, da zu sein, durchzuziehen, was es umso schwerer macht, es loszulassen. Erst als wir gemeinsam sichtbar gemacht haben, wie früh ihr Nervensystem gelernt hat, Sicherheit über Kontrolle herzustellen, wurde ein anderer Umgang möglich – ohne Selbstvorwurf, ohne Umbau der ganzen Persönlichkeit. Und hin zu gesünderen Grenzen und der Fähigkeit, Nein sagen zu können, ohne sich erklären zu müssen.
Selbstbeobachtung
„Ich habe mich ununterbrochen analysiert. Ich weiß, warum Dinge nicht laufen. Ändern konnte ich all das deshalb nicht.“
Er wusste viel über sich. Er kannte Muster, Prägungen, Diagnosen. Aber das Wissen hat nichts verändert – es hat den Druck nur präziser gemacht.
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Wir haben aufgehört, mehr zu verstehen. Wir haben angefangen, anders zu spüren. Das war der Punkt, an dem Wissen und Erleben zusammengefunden haben. Neue Erfahrungen zu suchen, nicht als Verlassen der Komfortzone, sondern als Erweiterung eben dieser, löst die Starre, in der bloßes Wissen uns hält.
Beziehung
„Ich habe immer wieder dieselbe Beziehung geführt.“
Andere Menschen, gleiche Dynamik. Sie ist irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass sie „einfach schlecht in Beziehung“ sei.
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Was sind unterbewusste Wiederholungsschleifen? Welche tiefliegenden Konflikte will unsere Psyche gerne lösen, indem sie immer wieder dieselben Strategien versucht? Als wir das Muster im Nervensystem statt im Charakter verortet haben, wurde es beweglich. Was vorher eine Diagnose über sich selbst war, wurde eine gelernte Reaktion des Bindungssystems – und Gelerntes lässt sich umlernen, auch nach vielen Jahren noch.
Erschöpfung
„Ich habe nie wirklich entspannt.“
Urlaub, Yoga, Meditation – nichts hat den inneren Motor abgeschaltet. Selbst Ruhe fühlte sich wie eine Aufgabe an.
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Sein System hatte nie gelernt, dass Ruhe sicher ist. Das war keine Willensfrage. Als sich das änderte – durch ein Durchdringen von Entwicklungspsychologie, durch eine belastbare therapeutische Allianz, durch immer wieder Scheitern üben und milde bleiben – änderte sich auch der Schlaf, der Blutdruck, das Verhältnis zur Arbeit und der Anspruch an sich selbst. Nicht mehr schaffen müssen, sondern weniger wollen können. Im unfertigen Garten sitzen und Dinge gut genug abgeben, statt sie auf dem Weg zur Perfektion wieder in die Schublade zu schieben.
Sinn
„Ich war erfolgreich – und innerlich leer.“
Nach außen alles erreicht. Nach innen die Frage, warum sich nichts davon so anfühlt, wie es sollte.
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Es ging nicht darum, das Leben umzubauen. Es ging darum, wieder in Kontakt mit dem zu kommen, wofür sie es überhaupt gebaut hatte. Biografische Aufträge von Erfolg und Leistung klingen noch lange nach der Kindheit nach. Wann bin ich gut genug und was will ich überhaupt? Wer früh Liebe an Bedingungen geknüpft erfahren hat oder selten gefragt wurde, was man denn möchte, mag oder präferiert, hat später häufig einen belasteten Zugang zu Bedürfnissen, Authentizität oder dem Thema Grenzen.
Selbstregulation
„Ich reagiere, obwohl ich es besser weiß.“
Er konnte im Nachhinein genau erklären, was falsch gelaufen war. Im Moment selbst hatte er keine Wahl außer Selbstsabotage.
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Konsum im Nachtleben, Impulsivität in der Beziehung, Konflikte mit zu vielen Mitarbeitenden, als dass es Einzelfälle sein könnten. Wie es sein sollte, war klar ersichtlich, die gefühlte Barriere zwang ihn jahrelang zu immer gleicher Selbstsabotage. Wahl beginnt nicht im Kopf. Sie beginnt in dem Moment, in dem das Nervensystem genug Sicherheit hat, um überhaupt eine Wahl wahrzunehmen. Daran haben wir gearbeitet.